Die Demokratie leben und gestalten

Der Landkreis nimmt am Projekt des Bundesfamilienministeriums teil – Partnerschaften für Demokratie”

Haß­fur­ter Tag­blatt / Frän­ki­scher Tag / Neue Pres­se – 28./31.01.2019 – René Ruprecht

Ras­sis­ti­sche und men­schen­feind­li­che Äuße­run­gen und Hand­lun­gen gefähr­den die Demo­kra­tie und den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt. Daher unter­stützt das Bun­desministerium für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend mit dem Bundespro­gramm Demo­kra­tie leben!” bereits seit 2015 Initia­ti­ven und Ver­ei­ne, die sich für Demo­kra­tie und gegen Men­schen­feind­lich­keit ein­set­zen. Das deutsch­land­wei­te Pro­gramm för­dert mehr als 600 Pro­jek­te mit kom­mu­na­len, regio­na­len und über­regio­na­len Schwer­punk­ten, die sich für ein viel­fäl­ti­ges, gewalt­frei­es und demo­kra­ti­sches Mit­ein­an­der ein­set­zen. Im Mai 2018 ver­kün­de­te Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Dr. Fran­zis­ka Gif­fey die Ent­fris­tung des Bun­des­pro­gramms. Die För­der­sum­me für das Jahr 2019 beträgt ins­ge­samt 115,5 Mil­lio­nen Euro.

Gelebte Demokratie: Theresa Krapf vom Mehrgenerationenhaus Haßfurt mit einer Gruppe beim Besuch der Wanderausstellung (Foto: René Ruprecht)

The­re­sa Krapf (3. von links) vom Mehr­ge­nera­tio­nen­haus Haß­furt besuch­te mit einer Grup­pe die Wan­der­aus­stel­lung Was glaubst Du denn?! Mus­li­me in Deutsch­land” in der Augus­te-Kirch­ner-Real­schu­le im Haß­fur­ter Schul­zen­trum. (Foto: René Ruprecht)

Das Land­rats­amt Haß­ber­ge hat sich für die loka­le Part­ner­schaft für Demo­kra­tie”, eines von ins­ge­samt zehn Modell­pro­jek­ten, bewor­ben und den Zuschlag erhal­ten. Ziel ist, sich mit kon­kre­ten Maß­nah­men vor Ort für Viel­falt und Demo­kra­tie stark zu machen. Um ins­be­son­de­re Jugend­li­che für ein Enga­ge­ment zu gewin­nen, kön­nen sie in einem Jugend­fo­rum eige­ne Pro­jek­te gestal­ten.

Partnerschaften für Demokratie” besteht aus vier Säulen.

  1. Das Land­rats­amt Haß­ber­ge über­nimmt als feder­füh­ren­des Amt die ziel­ge­rich­te­te Zusam­men­ar­beit aller vor Ort rele­van­ten Akteu­rin­nen und Akteu­re für Akti­vi­tä­ten gegen Rechts­ex­tre­mis­mus, Gewalt und Men­schen­feind­lich­keit. Die ein­be­zo­ge­nen Akteu­re sol­len aus allen rele­van­ten staat­li­chen und demo­kra­ti­schen nicht-staat­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen auf loka­ler und regio­na­ler Ebe­ne kom­men, die ihre jeweils spe­zi­fi­schen Kom­pe­ten­zen und Mög­lich­kei­ten ein­brin­gen sol­len. Neben der Ver­wal­tung und Poli­tik sind bei­spiels­wei­se Kir­chen, Ver­ei­ne, Ver­bän­de, Poli­zei, Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen, Schu­len und Wirt­schaft im Fokus. Eine Ent­wick­lung eines demo­kra­ti­schen Gemein­we­sens unter akti­ver Betei­li­gung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger steht im Vor­der­grund. Das Ziel ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung loka­ler und regio­na­ler Bünd­nis­se und die Wei­ter­ent­wick­lung einer leben­di­gen und viel­fäl­ti­gen Demo­kra­tie vor Ort. Nicht zu ver­ges­sen eine Kul­tur der Koope­ra­tion, des respekt­vol­len Mit­ein­an­ders und die gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung und Unter­stüt­zung.
  2. Das Mehr­ge­nera­tio­nen­haus Haß­furt ist als Koor­di­nie­rungs- und Fach­stel­le für die Umset­zung der loka­len Part­ner­schaf­ten für Demo­kra­tie” in den Haß­ber­gen zustän­dig. Als Erst­an­sprech­part­ner bei Pro­blem­la­gen koor­di­niert The­re­sa Krapf vom Haß­fur­ter MGH die inhalt­lich-fach­li­che Bera­tung von Pro­jekt­trä­gern und die Arbeit des Begleit­aus­schus­ses. Neben der Beglei­tung der Ein­zel­maß­nah­men und der Ver­net­zungs­ar­beit berät und unter­stützt das MGH die Bür­ge­rin­nen und Bür­gern, die sich in die­sem The­men­feld enga­gie­ren möch­ten.
  3. Der Begleit­aus­schuss als wesent­li­ches Ele­ment wird neben Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter aus mög­lichst allen rele­van­ten Res­sorts der kom­mu­na­len Ver­wal­tung und ande­rer staat­li­cher Insti­tu­tio­nen mehr­heit­lich mit loka­len bzw. regio­na­len Hand­lungs­trä­gern aus der Zivil­ge­sell­schaft besetzt. In sei­nen Sit­zun­gen ent­schei­det der Begleit­aus­schuss dann über die ein­ge­reich­ten Pro­jek­te. Zudem legen die Mit­glie­der die Eck­punk­te der Gesamt­stra­te­gie der loka­len Part­ner­schaft für Demo­kra­tie fest.
  4. Zur Stär­kung der Betei­li­gung von jun­gen Men­schen an der PfD” wird ein Jugend­fo­rum ein­ge­rich­tet, das sich eigen­stän­dig von den Jugend­li­chen selbst orga­ni­siert und gelei­tet wird. Unter­schied­li­che loka­le Jugend­sze­nen, die den zivil­ge­sell­schaft­li­chen Nor­men ver­pflich­tet sind, sol­len reprä­sen­ta­tiv ver­tre­ten sein.

Das Pro­jekt wird erst­mal bis Dezem­ber 2019 geför­dert. Sowohl der Begleit­aus­schuss, als auch das Jugend­fo­rum wer­den in den nächs­ten Wochen errich­tet. Dann kön­nen die ers­ten Pro­jekt­an­trä­ge ein­ge­reicht wer­den, über die dann der Begleit­aus­schuss abstimmt. Im ers­ten Quar­tal 2019 wird es die ers­te Demo­kra­tie­kon­fe­renz geben, an der die Öffent­lich­keit dran teil­neh­men kann und soll­te. Der genaue Ter­min wird noch bekannt­ge­ge­ben.

Demokratie leben

Anja Güll (Drit­te von links) vom Land­rats­amt besuch­te The­re­sa Krapf (dane­ben)
vom MGH Haß­furt im Sprach­ca­fé. Sie lei­ten in den nächs­ten Mona­ten das Bun­des­pro­gramm Demo­kra­tie leben!” im Land­kreis. (Foto: René Ruprecht)

Für den Poli­zei­ober­rat und Dienst­stel­len­lei­ter der Poli­zei­in­spek­ti­on Haß­furt, Nor­bert Mohr, ist die Demo­kra­tie­bil­dung und -för­de­rung immens wich­tig und bedin­gen ein hohes Maß an Anstren­gung für eine ordent­li­che Bil­dung, an der Ver­mitt­lung unse­rer im Grund­ge­setz fest­ge­schrie­be­ner Wer­te und Grund­rech­te. Bil­dung ist die bes­te Vor­aus­set­zung, Schub­la­den­den­ken zu ver­hin­dern und die bes­te Vor­beu­gung gegen rechts­ra­di­ka­le Gesin­nung.” Außer­dem ver­bin­det Mohr mit dem Slo­gan Demo­kra­tie leben!” ins­be­son­de­re, dass man auf die Wür­de des Men­schen ach­ten muss. Gera­de im Umgang mit Men­schen, die am Ran­de der Gesell­schaft ste­hen oder die sich in einem Aus­nah­me­zu­stand befin­den. Demo­kra­tie leben heißt für mich per­sön­lich und als Poli­zei­be­am­ter auch Vor­bild zu sein, zu dis­ku­tie­ren, ande­re Mei­nun­gen zu akzep­tie­ren, den eige­nen Stand­punkt zu ver­tre­ten, ohne aggres­siv zu mis­sio­nie­ren.”

Für den Haß­fur­ter Kaplan Nico­las Kehl hat die Kir­che unter ande­rem die Auf­ga­be, den den Men­schen nach dem christ­li­chen Wer­te­ver­ständ­nis zu lei­ten und zu füh­ren, dadurch geschieht auch Gesell­schafts- und Demo­kra­tie­bil­dung. Der christ­li­che Wer­te­ka­ta­log ist ein wich­ti­ger Grund­stock für die Demo­kra­tie, und dazu gehört Men­schen auf­zu­fan­gen und leben zu las­sen.”

Oft bekommt man nicht mit, dass eine Demo­kra­tie­bil­dung und -betei­li­gung statt­fin­det, wenn bei­spiels­wei­se Men­schen sich über ein The­ma unter­hal­ten”, so Anja Güll vom Land­rats­amt Haß­ber­ge. Die Bil­dungs­ko­or­di­na­to­rin ver­spricht sich von dem Bun­des­pro­gramm unter ande­rem, dass das The­ma rund um die Demo­kra­tie in die Öffent­lich­keit und in das Bewusst­sein der Bür­ger rückt. Es geht dar­um, dass Men­schen mit­ein­an­der reden, gemein­sam han­deln, einen Kon­sens fin­den und auch Ver­ständ­nis für ein­an­der schaf­fen. Kern der Demo­kra­tie­bil­dung ist eine Ein­stel­lung für Offen­heit, Dis­kus­si­ons­be­reit­schaft und Mei­nungs­bil­dung.” zu bil­den.

Die bei­den MGH-Bil­dungs­pa­tin­nen Katha­ri­na Volk (19 J.) aus Dampf­ach und Julia Sterlings(19) aus Gäd­heim stu­die­ren gemein­sam Päd­ago­gik an der Uni Bam­berg. Für Volk ist die Inte­gra­ti­on ein wich­ti­ger Bestand­teil der Demo­kra­tie, weil wenn es kei­ne Inte­gra­ti­on gibt, dann bil­den sich Grup­pie­run­gen, wel­ches das Zusam­men­le­ben erschwert” und weiß aber, dass die Inte­gra­ti­on in den länd­li­che­ren Regio­nen ein­fa­cher ist als in den Groß­städ­ten.” Für Ster­lings ist es auch sehr wich­tig, dass jeder gleich­be­han­delt wird. Das MGH Sprach­ca­fä ist eine tol­le Mög­lich­keit, mit Men­schen aus ver­schie­de­nen Län­dern ins Gespräch zu kom­men. Man bekommt zum Bei­spiel einen bes­se­ren Ein­blick, wie die Rea­li­tät in den Kriegs­ge­bie­ten ist, was dort falsch läuft und kann so auch ver­ständ­nis­vol­ler das Schick­sal der Flücht­lin­ge nach­voll­zie­hen.

Demokratie: vorbildliche Integration im MGH durch Patenschaften

Vor­bild­li­che Inte­gra­ti­on: Die bei­den MGH-Bil­dungs­pa­tin­nen Katha­ri­na Volk (links) und Julia Ster­lings unter­stüt­zen ihre Paten­kin­der” Mah­di Hus­s­ei­ni (rechts) und Ali Sajed Mora­di bei der Spra­che und Berufs­schul­auf­ga­ben. (Foto: René Ruprecht)

Die bei­den Paten­kin­der der frei­wil­lig enga­gier­ten Stu­den­tin­nen sind Mah­di Hus­s­ei­ni (19) aus Zeil und Ali Sajed Mora­di (17) aus Haß­furt. Seit zwei Mona­ten kom­men die Migran­ten ins MGH. Man lernt vie­le ver­schie­de­ne Leu­te ken­nen. Die Phi­lo­so­phie hier -nimmst du Hil­fe gibst du Hil­fe- ist wun­der­bar. Wir kochen, backen und bas­teln zusam­men, das ist Demo­kra­tie, das ist Ent­schei­dungs­frei­heit. Ich füh­le mich sehr wohl in Haß­furt,”, so Hus­s­ei­ni. Auch für Mora­di ist der Kon­takt zu Mit­men­schen, egal ob Ein­hei­mi­sche oder Zuwan­de­rer” einer der wich­tigs­ten Bau­stei­ne für eine erfolg­rei­che Inte­gra­ti­on, und zwar von bei­den Sei­ten.”

Für die Poli­tik­wis­sen­schafts­stu­den­tin Sose Baghu­myan (26) aus Erlan­gen bedeu­tet Demo­kra­tie ein­fach Frei­heit.” Die gebür­ti­ge Ira­ne­rin flüch­te­te mit ihrer Fami­lie im Jah­re 2000 aus Afgha­ni­stan nach Deutsch­land. Wenn man frei und offen ist, kann man sich gut inte­grie­ren. Das Mehr­ge­nera­tio­nen­haus hat mir dabei sehr gehol­fen, und so stan­den vie­le Türen offen, ich bin dafür sehr dank­bar.” Neben Tanz­schul­grup­pen­lei­tung im MGH bekam die ehe­ma­li­ge Schü­ler­spre­che­rin auch ein Schü­lersti­pen­di­um für begab­te Zuwan­de­rer in Bay­ern.

Es ist beson­ders wich­tig, deut­lich über den Lehr­plan hin­aus zu gehen. Denn die Fra­ge von Demo­kra­tie ist eine Wer­te­er­zie­hungs­fra­ge, die nicht nur auf dem Papier ste­hen darf, so der Rek­tor der Real­schu­le Haß­furt Hart­mut Hop­per­diet­zel. Für den Schul­lei­ter ist die Schü­ler­mit­ver­ant­wor­tung (SMV) ein stark aus­ge­bau­ter Schritt für die Demo­kra­tie im rea­len Schul­le­ben. Zahl­rei­che Pro­jek­te der SMV kom­men ver­schie­de­nen Ver­ei­nen in der Gesell­schaft zu Gute. Die Schü­ler machen was, damit bei Ande­ren was ankommt und somit zur Gemein­schaft bei­trägt. Es wer­den Wer­te umge­setzt und somit auch die Demo­kra­tie gelebt” so Hop­per­diet­zel.