Elf Teilnehmer aus zehn Nationen

Internationaler Deutschkurs am Mehrgenerationenhaus
als Beispiel lebendiger Integration

Haß­fur­ter Tag­blatt / Frän­ki­scher Tag – 16.01.2013 – Sabi­ne Meiss­ner

Im Haß­fur­ter Mehr­ge­nera­tio­nen­haus ler­nen elf Per­so­nen aus zehn Län­dern Deutsch. Sie berei­ten sich auf ein Leben in ihrer neu­en Hei­mat vor. Die Leh­re­rin Moni­ka Hoff­mann hat selbst Aus­lands­er­fah­rung und ver­mit­telt mehr als nur Spra­che.

Deutsch lernen mit Monika Hoffmann im Mehrgenerationenhaus

Teil­neh­mer des inter­na­tio­na­len Deutsch-Kur­ses im Mehr­ge­nera­tio­nen­haus sind Karo­li­na Pat­a­las aus Polen, Kurs­lei­te­rin Moni­ka Hoff­mann, Melis­sa Mora aus Cos­ta Rica, Sarah Sim­fuk­we aus Tan­sa­nia (hin­te­re Rei­he von links) sowie Shehri­ban Behra­mi aus dem Koso­vo, Nina Kai­mo­va aus Kasach­stan und Aneli­ya Ios­si­fo­va aus Bul­ga­ri­en (vor­de­re Rei­he von links). Auf dem Bild feh­len die wei­te­ren Kurs­teil­neh­mer Nico­le Zösch aus USA, Car­los Rodri­guez aus Mexi­ko, Tere­sa Van­ge­lis­ta aus Ita­li­en, Kin­ga For­tu­ni­ak aus Polen und Cori­na Bay­sha aus Rumä­ni­en. (Foto: MGH)

Komm vor­an – stark mit Deutsch” lau­tet der Titel eines Sprach­kur­ses für Migran­tin­nen und Migran­ten im Mehr­ge­nera­tio­nen­haus (MGH) in Haß­furt. Damit bie­tet die Ein­rich­tung, die unter der Trä­ger­schaft des Roten Kreu­zes (Kreis­ver­band Haß­ber­ge) nach Deutsch­land zuge­wan­der­ten und im Kreis Haß­ber­ge leben­den Men­schen Sprach- und Alpha­be­ti­sie­rungs­kur­se an.

Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund” hei­ßen die­se Per­so­nen im Amts­deutsch und machen damit gleich die ers­te Erfah­rung mit einem Wort, das eigent­lich einer ande­ren Spra­che ent­lie­hen ist. Aus dem latei­ni­schen migra­tio, das so viel wie (Aus-)Wanderung oder Umzug bedeu­tet, ist der Begriff abge­lei­tet. Alles ande­re als sach­lich im Sin­ne von emo­ti­ons­los ist jedoch die Atmo­sphä­re die­ses Kur­ses, der seit eini­gen Mona­ten läuft.

In klei­nen Grup­pen wer­den die Teil­neh­mer mit der Spra­che, Schrift, Land und Leu­ten anhand täg­li­cher Situa­tio­nen ver­traut gemacht. “Der Deutsch­kurs ist eine tol­le Sache und wird sehr gut ange­nom­men”, berich­tet Moni­ka Hoff­mann aus Prap­pach. Sie lei­tet enga­giert den Kurs, der für die Teil­neh­mer kos­ten­los ist. Außer ihrer Mut­ter­spra­che Deutsch beherrscht Hoff­mann, die selbst meh­re­re Jah­re mit ihrer Fami­lie im Aus­land leb­te, auch Eng­lisch und Spa­nisch sowie etwas Ita­lie­nisch. Das erleich­tert den anfäng­li­chen Kon­takt mit den Teil­neh­mern, die erst wenig Deutsch spre­chen kön­nen. Jeden Mon­tag­vor­mit­tag unter­rich­tet sie zwei­ein­halb Stun­den Spra­che und beant­wor­tet dar­über hin­aus vie­le Fra­gen des täg­li­chen Lebens ihrer elf Schütz­lin­ge aus zehn ver­schie­de­nen Län­dern.

Vie­le Spra­chen

Wie ver­stän­di­gen sich Men­schen, deren Mut­ter­spra­chen so grund­ver­schie­den sind und die erst nach und nach die Spra­che ihrer neu­en Hei­mat erler­nen? “Im Kurs wird über­wie­gend Deutsch gespro­chen”, erklärt Hoff­mann, “wobei ich den Spa­nisch-, Ita­lie­nisch- und Eng­lisch-Mut­ter­sprach­lern oft mit Über­set­zun­gen oder Erklä­run­gen hel­fen kann”. Die rus­sisch, pol­nisch, bul­ga­risch oder rumä­nisch spre­chen­den Frau­en hel­fen sich bei Unklar­hei­ten unter­ein­an­der, was gut funk­tio­nie­re. Ab und zu etwas in den jeweils ande­ren Spra­chen zu hören, klingt für alle sehr inter­es­sant, auch für die inter­na­tio­nal erfah­re­ne Kurs­lei­te­rin.

Als Leh­re­rin sieht sich Hoff­mann gar nicht, eher als Part­ne­rin im Begrei­fen der neu­en Gege­ben­hei­ten. “Auch wir woh­nen erst seit zwei­ein­halb Jah­ren in Haß­furt”, sagt sie. “Mei­ne Fami­lie und ich haben vor­her zwölf Jah­re im Aus­land gelebt, davon sie­ben in Gua­da­la­ja­ra in Mexi­ko und fünf im spa­ni­schen Bil­bao. Wir füh­len uns hier sehr wohl, unse­re Kin­der gehen in Haß­furt zur Schu­le, mein Mann arbei­tet in Schwein­furt.”

Bevor die Fami­lie 1998 ins Aus­land gezo­gen ist, wohn­te sie in Würz­burg. Moni­ka Hoff­mann ist diplo­mier­te Bio­lo­gin, aber seit mehr als zwölf Jah­ren als Deutsch- und Spa­nisch-Leh­re­rin tätig. “Das berei­tet mir viel Freu­de”, sagt sie.

Die Kurs­teil­neh­mer im MGH kom­men nicht nur aus unter­schied­li­chen Län­dern, son­dern auch aus sehr ver­schie­de­nen Beru­fen. Nina Kai­mo­va war in ihrem Hei­mat­land Kasach­stan als Leh­re­rin tätig. Kin­ga For­tu­ni­ak aus Polen ist aus­ge­bil­de­te Alten­pfle­ge­rin und betreut Demenz­kran­ke, mit denen sie sich noch bes­ser, als es ihr bis­her mög­lich ist, in Deutsch ver­stän­di­gen möch­te. Des­halb besucht sie den Kurs. Ande­re haben noch kei­ne Berufs­aus­bil­dung oder ein Stu­di­um abge­bro­chen. Eini­ge Frau­en haben klei­ne Kin­der und möch­ten bald wie­der berufs­tä­tig sein. Eine Stu­den­tin wird in ihr Hei­mat­land zurück­keh­ren, um dort das Stu­di­um zu been­den. Im Sep­tem­ber will sie zu ihrem Haß­fur­ter Freund zurück­keh­ren und dann wei­ter Deutsch ler­nen. Der ein­zi­ge Mann im Kurs kommt aus Mexi­co und ist mit einer Deut­schen ver­hei­ra­tet.

Glücks­fall

Wir legen den Fokus auf die ganze Familie, insbesondere die Frauen ...Für Koor­di­na­to­rin Gud­run Gre­ger, die Lei­te­rin des Mehr­ge­nera­tio­nen­hau­ses, ist es “ein Glück, dass Moni­ka Hoff­mann ihre Sprach­kennt­nis­se und Lebens­er­fah­run­gen in das MGH-Pro­jekt ‚Stark für Erfolg‘ ein­bringt”. Der Deutsch­kurs ist Bestand­teil die­ses bun­des­wei­ten MGH-Pro­jek­tes, das Kin­der und Jugend­li­che bei Bil­dungs­über­gän­gen beglei­tet. “Wir legen den Fokus aber auf die gan­ze Fami­lie, ins­be­son­de­re die Frau­en”, erläu­tert Gre­ger, “denn wenn in den Fami­li­en deutsch gespro­chen wird, dann pro­fi­tie­ren alle”. Par­al­lel zum Kurs steht Lilya­na Zösch vom MGH für alle sons­ti­gen Fra­gen bera­tend zur Sei­te.

Der MGH-Sprach­kurs sei, so betont Gre­ger, kei­ne Kon­kur­renz zu den Ange­bo­ten von Bil­dungs­trä­gern, da er durch Geben und Neh­men cha­rak­te­ri­siert wer­de und aus dem Paten­schafts­ge­dan­ken ent­stan­den sei. Nina Kai­mo­va bei­spiels­wei­se, die sich eben­falls ehren­amt­lich im MGH betä­tigt und ihrer­seits in ande­ren Pro­gram­men, wie der Kin­der­be­treu­ung, mit­ar­bei­tet, ist ein “Paten­kind” von Bar­ba­ra Krat­ky aus Oberau­rach. “Frau Hoff­mann hat mitt­ler­wei­le vier Paten­kin­der bei uns”, freut sich Gud­run Gre­ger. “Alle betreut sie ehren­amt­lich und gibt außer­dem bei der Volks­hoch­schu­le Spa­nisch”. Ihr sen­si­bles Vor­ge­hen sei für den Kurs von unschätz­ba­rem Wert. Es ermun­te­re auch die­je­ni­gen, die noch nicht gut Deutsch kön­nen, ihre Fra­gen zu stel­len. Auch zeit­lich geht Hoff­mann auf die unter­schied­li­chen Belan­ge ein. So etwa kann Car­los Rodri­guez, der Schicht arbei­tet, alle zwei Wochen teil­neh­men.

Wer Kin­der hat, kann sie mit­brin­gen. Wäh­rend des Unter­richts betreut sie das Team des MGH. Und nicht nur über die Klei­nen haben sich Freund­schaf­ten ent­wi­ckelt, die auch außer­halb der Kurs­zei­ten und an ande­ren Orten gepflegt wer­den, qua­si als geleb­te Inte­gra­ti­on.

Bald­mög­lichst soll die Grup­pe geteilt wer­den, des­halb kön­nen wei­te­re Inter­es­sen­ten neu ein­stei­gen. Es wird dann eine Anfän­ger­grup­pe und eine Fort­ge­schrit­tenen­grup­pe geben. Wer mit­ma­chen möch­te, soll sich ein­fach per­sön­lich oder tele­fo­nisch im MGH mel­den.