Dr. Martin Sage im Haßfurter Tagblatt:

Dr. Martin Sage (Haßfurter Tagblatt)

STAND­PUNKT
Der gro­ße Wert des Strickkurses

Haß­fur­ter Tag­blatt am 07.02.2018

Im Mehr­ge­nera­tio­nen­haus Haß­furt (MGH) er­in­nert man sich mit Grau­en an die Aus­sa­ge ei­nes frü­he­ren Lo­kal­po­li­ti­kers in der An­fangs­zeit der Ein­rich­tung: Stri­cken kön­nen die al­ten Leu­te auch zu­hau­se“, stuf­te be­sag­te lo­kal­po­li­ti­sche Grö­ße ei­nen Hand­ar­beits­kurs im MGH als eben­so über­flüs­sig ein wie wohl das So­zi­al­haus insgesamt. 

Je­ner Herr hat­te nicht im An­satz be­grif­fen, wor­um es beim Schwin­gen der Na­del vor­ran­gig ging. Nicht um das Ver­mit­teln von hand­ar­beit­li­chen Fer­tig­kei­ten oder der Pro­duk­ti­on von Müt­zen. Son­dern um die so­zia­len Kon­tak­te, mit­hin: um Mit­mensch­lich­keit. Wenn die äl­te­ren Men­schen zu uns kom­men, wenn sie sich in der Ge­mein­schaft wohl­füh­len, fan­gen sie an zu er­zäh­len – von ih­ren Wün­schen und Hoff­nun­gen, aber auch von ih­ren Sor­gen und Nö­ten. Da kön­nen wir oft an­set­zen und hel­fen“, be­schrieb Gud­run Gre­ger, die Lei­te­rin des MGH, den wah­ren Sinn des Kur­ses kürz­lich ge­gen­über die­ser Redaktion.

Zehn Jah­re alt wird das Mehr­ge­nera­tio­nen­haus in die­sem Herbst. Und in der Be­völ­ke­rung und un­ter den lo­kal­po­li­ti­schen Ak­teu­ren ist die Wert­schät­zung für die Ein­rich­tung stark ge­wach­sen. Weil das MGH gute Ar­beit macht, vie­le Men­schen da­von pro­fi­tie­ren und man­che von ih­nen auf die An­ge­bo­te – etwa zur Be­treu­ung von Klein­kin­dern – schlicht an­ge­wie­sen sind. Und all­mäh­lich ver­liert die alte Ma­cho­ge­nera­ti­on an Ge­wicht, die der fel­sen­fes­ten Über­zeu­gung ist, dass es schon seit je­her Auf­ga­be der Wei­ber“ ist, sich am bes­ten zu Hau­se um die Kin­der und die Al­ten und das gan­ze so­zia­le Zeug zu küm­mern, gra­tis ver­steht sich, weil frau“ eh nichts Bes­se­res zu tun hat. Ergo, dass es kei­nes Mehr­ge­nera­tio­nen­hau­ses bedürfte.

Die jün­ge­ren Män­ner­jahr­gän­ge, die selbst den Kin­der­wa­gen ge­scho­ben und den Spröss­ling ei­gen­hän­dig ge­wi­ckelt oder ge­füt­tert ha­ben, be­grei­fen viel mehr, dass das Küm­mern um Kin­der oder die Für­sor­ge für die de­menz­kran­ke Oma mehr als Pi­pi­fax ist. Frei­lich kommt hin­zu, dass der Man­gel an Fach­ar­beits­kräf­ten auch im Land­kreis und in je­der Ge­mein­de den Druck er­höht, um­fas­sen­de Be­treu­ungs- und Ver­sor­gungs­an­ge­bo­te zu schaf­fen. Auch von da­her ist die Kreis­po­li­tik froh, dass es das MGH gibt.

Trotz­dem zeigt sich am Bei­spiel MGH Haß­furt, wie weit un­se­re Ge­sell­schaft da­von ent­fernt ist, den wah­ren Wert der­ar­ti­ger So­zi­al­häu­ser zu er­ah­nen. Am stärks­ten kommt dies da­durch zum Aus­druck, dass das MGH Jahr für Jahr bei der Kreis­stadt und dem Land­kreis um Zu­schüs­se bet­teln muss und streng ge­nom­men nie Pla­nungs­si­cher­heit über zwölf Mo­na­te hin­aus hat. Auch der Bund könn­te plötz­lich sei­ne För­de­rung strei­chen. Das mag un­wahr­schein­lich sein, lässt aber er­ah­nen, dass die Exis­tenz­ängs­te der Häu­ser die Po­li­tik we­nig be­küm­mert. Man fragt sich, wie vie­le ver­gleich­ba­re Pro­jek­te es im Land­kreis gibt, die sich der­art von Jahr zu Jahr han­geln müssen.

Er­staun­lich ist auch, wie selbst­ver­ständ­lich vie­len Bür­gern und Man­dats­trä­gern ge­ra­de das ge­wal­ti­ge eh­ren­amt­li­che En­ga­ge­ment er­scheint. So als sei es das Nor­mals­te der Welt, sich in so­zia­ler Ar­beit zu ver­schen­ken – was die Frei­wil­li­gen si­cher ger­ne tun. Aber man stel­le sich vor, man ver­lang­te von ei­nem In­ge­nieur, eine Kreis­stra­ße für ei­nen Ap­fel und ein Ei zu pla­nen und von ei­nem Rechts­an­walt, den Kreis eh­ren­amt­lich vor Ge­richt zu ver­tre­ten. Un­se­re Ge­sell­schaft hat die Lek­ti­on erst zu ler­nen, welch enor­men Wert so­zia­le Ar­beit hat. Und welch un­er­läss­li­chen Bei­trag sie zum so­zia­len Frie­den leis­ten muss – in ei­ner Welt, in der ei­ner­seits die Fa­mi­li­en­ver­bän­de im­mer klei­ner wer­den oder sich auf­lö­sen. Und in der an­de­rer­seits die Ge­sell­schaft kul­tu­rell, po­li­tisch und re­li­gi­ös im­mer he­te­ro­ge­ner wird.


Links zum Thema:
→ Pro­jekt­vor­stel­lung: Licht­stu­be – GemeinsamHANDarbeiten
→ Pres­se­ar­ti­kel MGH: Fi­nan­zie­rung für 2018 steht (Dr. Mar­tin Sage)

 

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